day 74: heiß gelaufene dampflok

Japan ist nicht einfach zu fassen. Und es ist schwer darüber zu schreiben ohne in Klischees zu rutschen. Für mich ist es eines der schwierigsten Länder, in denen ich bisher gereist bin. Für mich ist es einfacher mich im Chaos von Indien zurechtzufinden oder mit der gefährlichen Situation in Guatemela umzugehen, als auf dieses ruhige und bescheidene Land zu treffen.

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Nichts Ausuferndes und Protziges finde ich hier, nicht bei den Menschen und nicht einmal bei ehemaligen Burgen oder Herrschersitzen. Nichts ist imposant, beeindruckend, überwältigend durch seine Größe, wie es in anderen Ländern passiert. Reisen in Japan ist das Kontrastprogramm zu China, wo groß und protzig zum guten Ton gehört.

Mild und bekömmlich empfinde ich Japan. Es gibt wenig Etxreme, die einen aus der Balance bringen könnten. Die Straßen sind nicht nur blitzblank, sondern mit netten Blümchen geschmückt. Vor den Geschäften stehen kleine Töpfe mit Gräsern. Vor Baustellen steht ein Schild mit einer Schildkröte, die winkt oder einem Fuchs, der döst. Die Bauarbeiter verbeugen sich, wenn ich mit dem Auto an der Baustelle vorbei fahre. Überquert jemand den Zebrastreifen, verbeugt er sich nachher. Steigt jemand aus dem Lift, auch in einem Kaufhaus, wo sie oder er niemanden kennt, verbeugt sie oder er sich zur Begrüßung erst mal. Beim Einkaufen verbingt der Kassierer gefühlte zehn Minuten damit, dir für den Einkauf zu danken, den gekauften Kaugummi in ein Mini-Plastiksackerl zu geben, das Plastiksackerl mit Tixo zuzukleben, das Plastiksackerl glatt zu streichen, dir das Rückgeld vorzuzählen, dir noch einmal zu danken, sich zu verbeugen, um dir dann feierlich das Rückgeld entweder mit zwei Händen zu überreichen oder mit einer Hand, während er die andere schützend darunter hält, falls eine Münze hinunterfallen sollte. Die unruhige Europäerin denkt sich da nur genervt: „In der Zeit hätte ich schon lang bei der nächsten Sehenswürdigkeit sein können.“

Auch das Essen ist mild und bekömmich. Keine Gewürzexplosion wie in Indien. Keine Chili-Orgie wie in Thailand. Nichts Fettiges wie in Mexiko. Nein, auch beim Essen bringt einen nichts aus der Balance. Und die Portionen sind auch nicht ausufernd.

Die Leute begegnen mir meistens sanft. Die Stimme mild, ein paar Mal verbeugen. Stress spüre ich selten bei den Leuten, obwohl ich weiß, dass die meisten nicht mehr als 2 Wochen Urlaub im Jahr haben. Tempo ist nicht das Ziel.

Mild und bekömmlich ist auch die Natur. Nichts Bombastisches oder Exotisches. Zumindest ab und zu gibt es eine „abgefahrene“ Blume, die zur Zeit überall blüht. Sie ist rot – eine Farbe, die ich selten hier sehe. Trägt mal eine Frau rot, fällt sie auf. Meine geliebten Neonfarben, die in Europa vielen schon auf die Nerven gehen, sind hier nie angekommen. Es stimmt schon, was mir Jill letztens gesagt hat, eine Australierin, die viel durch Japan reist: „Es gibt Japan. Und es gibt dem Rest der Welt.“

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Ich versuche mich auf dieses Lebensgefühl einzulassen. Wie fühlt sich das an, mild und bekömmlich und sanft und höflich zu sein? Meistens bin ich dann kurz vorm Explodieren. Bin ich hier genervt, komme ich mir neben den JapanerInnen wie eine heiß gelaufene Dampflok mit Feuerwerk vor. Gibt es denn niemanden hier, dem es so geht wie mir?

Vor kurzem habe ich eine Erklärung dafür gefunden, was man tun kann, wenn man sich wie eine heiß gelaufene Dampflok mit Feuerwerk fühlt und man trotzdem nicht den Nachbarn damit stören will. In einem Magazin wurde ein großer Plastiktrichter zum Reinschreien angeboten. Er muss wohl schallgedämpft sein und laut Werbung wird er vor allem von Männern beim Fußball schauen verwendet. Den Preis muss ich noch herausfinden, aber vielleicht wäre das eine gute Reiseinvestition für mich…

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About Michaela Krimmer

35, anthropologist, Austrian, female

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